Marcel Mule

MARCEL MULE oder DER TRAUM VOM VIERFACHEN ATEM

Von Hans-Jürgen Schaal

Marcel Mule

*24. Juni 1901 ; † 18. Dezember 2001
Foto: Selmer Paris

Die klangliche Flexibilität in den verschiedenen Tonlagen und die unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Baugrößen brachten Sax früh auf den Gedanken, ganze Ensembles nur aus Saxophonen zu bilden. Bereits Anfang 1844 kursierte in Paris das Gerücht, er habe ein Quartett aus Sopran-, Tenor-, Baß- und Kontrabaßsaxophon gegründet. Unter den ersten Original-Kompositionen für Saxophon, die Sax ab 1850 verstärkt in Auftrag gab, sahen schon mehrere Stücke die noch heute üblichste Quartettbesetzung vor – mit Sopran, Alt, Tenor und Bariton. Man weiß von frühen Saxophonquartetten der Komponisten Cressonnois, Mohr, Savari, Jonas und vor allem Jean-Baptiste Singelée (1812-1875), der wie Sax aus Brüssel kam und in Paris freundschaftlich mit dem Erfinder verbunden war. Singelée, ein renommierter Violinist, lieferte bis 1864 die Wettbewerbs-Stücke für Sax‘ Saxophonklasse und schrieb insgesamt an die dreißig Kammermusikwerke für Saxophon, darunter das Premier Quatuor op. 53 von 1858 und ein nur teilweise erhaltenes zweites Quartett (op. 79). Opus 53, heute Standard-Repertoire klassischer Saxophonquartette, dokumentiert auf seine Weise die späte Geburt des Instruments, indem es auf 20 Minuten Länge die Musikgeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Revue passieren läßt. Ausdrücklich ist jeder der vier Sätze von einem bestimmten Komponisten inspiriert, wobei neben Beethoven und Mendelssohn zwei bekannte Saxophon-Befürworter geehrt werden: Rossini und Meyerbeer.

Obwohl Sax keine Mühe scheute und sogar eigene Konzertsäle bauen ließ, konnte sich der Parvenü Saxophon als seriöses Orchester- und Kammerinstrument im 19. Jahrhundert nicht mehr behaupten. Der Berliner Saxophonpionier Gustav Bumcke (1876-1963), ein Schüler von Bruch und Humperdinck, erntete noch 1902 mit seinen Bemühungen ums Saxophon nur Unverständnis in Deutschland. Selbst in Frankreich schien die Karriere des Saxophons gescheitert: Als Claude Debussy 1901 den Auftrag zu einem Saxophonwerk erhielt, gab er zu, mit diesem Instrument nicht vertraut zu sein: Die Rhapsodie für Orchester und Solo-Saxophon war bei seinem Tod 1918 noch immer unvollendet. In Auftrag gegeben wurde das Werk übrigens von einer Französin, die bezeichnenderweise seit langem in den USA wirkte und lebte, wo man bekanntlich Parvenüs gegenüber mehr Toleranz aufbringt und die Grenzen zwischen gehobener und Gebrauchskunst durchlässiger sind. Auch der klassische Saxophonist Edouard Lefèbvre (1834-1911), Sax-Schüler und von Gounod und Wagner bewundert, trat seit den 1870er Jahren zunehmend in Amerika auf, wo den Regimentskapellen auch die Opernhäusern offenstanden. Lefèbvre gründete ein Saxophonquartett in Brooklyn, beriet den ersten amerikanischen Saxophonbauer Gus Buescher bei der Instrumentenfirma Conn und wurde Solo-Saxophonist bei John Philip Sousa.

Das Saxophon wäre vielleicht eine Marginalie der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts geblieben ohne die amerikanischen Militärkapellen, deren Welttourneen das Instrument ins neue Jahrhundert retteten. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs, als viele der Einheiten aufgelöst wurden und die Instrumente billig zu haben waren, stürzten sich Tanz- und Jazzmusiker massenhaft auf das Saxophon. Der Amerikaner Rudy Wiedoeft (1893-1940), dessen Staccato sogar Henri Selmer bewunderte, oder das Saxophonquintett der Brown Brothers übersetzten den eckigen Ragtime-Stil jener Jahre in virtuose Vaudeville-Nummern. Auch in Deutschland taucht das Saxophon plötzlich in den Unterhaltungskapellen auf und macht über Nacht die Salonorchester zu Jazzbands („Der Primgeiger gehört unbedingt ans Saxophon“, 1928) oder zu kombinierten Stimmungs-Kapellen („Original Bayr. Oberlandler-Kapelle mit dem 1. bayrischen Saxophon-Quartett“, 1927). Die Krönung der Sax’schen Instrumentenbaukunst wurde dementsprechend als „Negerpfeife“ beschimpft oder als humoristische Clowns-Tröte bejubelt, während Jazzkenner zwischen dem erotischen Klangcharakter des Alt- und dem männlichen des Tenorsaxophons zu unterscheiden lernten.

Von der militärischen Tradition und der Jazz-Mode wurde aber auch jener Mann gefördert, der das klassische Saxophon wiederbelebte und noch heute in Frankreich als sein „Patron“ gilt: Marcel Mule. Der 1901 geborene Sohn eines Blaskapellen-Saxophonisten erlernte das Instrument schon als Kind, verfeinerte sein Spiel in den 20er Jahren bei der Armee und lernte das Vibrato in Pariser Jazzklubs. Er wurde Solosaxophonist in der Kapelle der Republikanischen Garde, lernte für das Saxophon zu arrangieren, spielte in der Opéra Comique die Saxophonstimme in Massenets Werther und hatte 1928 Erfolg als Altsaxophonist in L’Enfants Ballett Evolution. Im gleichen Jahr gründete er mit anderen Mitgliedern der Republikanischen Garde ein beständiges Saxophonquartett-Ensemble und begann – wie vor ihm Adolphe Sax, Eugène Lefèbvre und andere Saxophon-Pioniere -, klassische Werke für diese Besetzung zu transkribieren. Zu den frühesten Stücken im Repertoire des Quartetts gehörten eine Transkription des Andante aus Tschaikowskys Streichquartett, das achtteilige Au Jardin des bêtes sauvages von Pierre Vellones (ein vom Komponisten zusammengestelltes und transkribiertes Potpourri eigener Werke) sowie kleine Stücke von Robert Clérisse.

Marcel Mule gelang, wovon Adolphe Sax nur geträumt hatte: Sein Saxophonquartett etablierte sich als ein neuartiger Klangkörper für kammermusikalischen Ausdruck. Die Mischung aus Niveau und Novität, virtuoser Eleganz und gehobener Unterhaltung kam nicht nur beim Pariser Publikum, sondern auch bei den Komponisten gut an. Zahlreiche Zeitgenossen begannen, für Mules Quartett zu schreiben, darunter Alexander Glasunov (1865-1936), dessen Quartett für 4 Saxophone (op. 109) von 1932 ähnlich wie schon Singelées Quartett von 1858 versucht, dem Saxophon die versäumte Musikgeschichte in konzentrierter Form nachzuliefern. Vom einleitenden Allegro, das Dvorák, Wagner und Brahms gewidmet ist, schreitet das noch heute häufig gespielte Werk in die Vergangenheit zurück – mit Choral-Variationen im Stil von Schumann und Chopin und einem Rondo-Finale zu Ehren von Johann Sebastian Bach. Weniger bemüht, aber desto publikumswirksamer sind die Mule gewidmeten Quartettwerke von Gabriel Pierné (1934), Jean Rivier (1938) und Eugène Bozza (1939): Sie entfalten allesamt im 1. Satz das romantisch-sentimentale Klangpotential des Saxophons und stellen ihm im 2. Satz seine furiosen technischen Möglichkeiten gegenüber. Das wahrscheinlich originellste Werk der 30er Jahre war Jean Françaix‘ Petit Quatuor (1935), eine geistreiche Hommage an das Paris seiner Zeit.

Mule verließ 1936 die Republikanische Garde und gab seinem Quartett einen neuen Namen, doch die Widmungen rissen nicht ab. Kompositionen von Florent Schmitt (1941), Pierre-Max Dubois (1955), Georges Migot (1955), Alfred Desenclos (1964) und vielen anderen festigten die Gattung als modern-mondänes Gegenstück zum profunderen Streichquartett. Mule, dessen Ensemble bis 1967 bestand, feierte auch als Solist große Erfolge und hatte keinen Mangel an ihm gewidmeter Kammer- und Konzertliteratur. Im Jahr 1942 erhielt das Nationalkonservatorium wieder eine Saxophonklasse: Mule als ihr Leiter wurde Sax‘ direkter Nachfolger nach einer Unterbrechung von über 70 Jahren. In Mules Klasse lernten einige der größten Saxophonisten unserer Zeit, darunter Daniel Deffayet, Guy Lacour, Jean-Marie Londeix, Jacques Desloges, Iwan Roth, Pierre Bourque, Frederick Hemke, Jacques Melzer und Eugene Rousseau. Wettbewerbsstücke für den Klassenpreis schrieben unter anderen Alfred Desenclos, Georges Dandelot und Ida Gotkovsky.

Mules Saxophonquartett machte Schule: 1953 gründete Daniel Deffayet, Mules Nachfolger am Nationalkonservatorium, sein eigenes Quartett-Ensemble, dem Dutzende von Kompositionen gewidmet wurden, darunter Pierre-Max Dubois‘ Les Métamorphoses (1983). Auch andere Mule-Schüler wie der Schweizer Iwan Roth und der Amerikaner Eugene Rousseau gründeten Quartette. Etwa zur Zeit von Mules großer Amerika-Tournee (1958) hatte der amerikanische Produzent Jack Lewis die Idee, aus Jazzmusikern mit klassischer Studio-Erfahrung ein genuin amerikanisches Saxophonquartett zu bilden. Zu den Gründungsmitgliedern des New York Saxophone Quartet gehörten prominente Cool-Jazz-Saxophonisten wie Stan Getz und Al Cohn, und die ersten Auftragswerke kamen von amerikanischen Big-Band-Arrangeuren und Filmkomponisten wie Eddie Sauter, Johnny Carisi, Manny Albam, Gene DiNovi und George Handy. Das jazzinspirierte Quartett Three Improvisations, das der Jazz-Saxophonist Phil Woods 1962 dem NYSQ widmete, gehört längst zur Standard-Literatur – wie übrigens auch Woods‘ Sonata for Alto Sax and Piano.

Erst 1969, nachdem Marcel Mule sein Quartett aufgelöst hatte, gründete sein großer Konkurrent Sigurd Rascher (geb. 1907 in Wuppertal-Elberfeld) sein eigenes Saxophonquartett. Das Raschèr Saxophone Quartet, das seit 1981 von Raschers Tochter Carina geleitet wird, spielt unter den Saxophonquartetten eine ähnliche Vorreiter-Rolle wie das Kronos Quartet unter den Streichquartetten: In Zusammenarbeit mit Dutzenden von abenteuerfreudigen Komponisten konzentriert sich das Ensemble auf die Aufführung schwieriger zeitgenössischer Werke. Unter den bekanntesten der mehr als hundert Quartette, die für das Rascher-Quartett geschrieben wurden, sind Harald Genzmers Quartett for Saxophonen (1982), Maurice Karkoffs Ernst und Spaß (1984), Günter Bialas‘ Sechs Bagatellen (1986), Iannis Xenakis‘ XAS (1987), Sofia Gubaidulinas In Erwartung (1994, für Saxophonquartett und 6 Schlagzeuger) sowie gleich mehrere Werke von Werner Wolf Glaser, Erland von Koch, Miklós Maros und Walter S. Hartley.

Im Jazz, der immer wieder Saxophonquartette inspiriert und gefördert hat, spielte diese Besetzung lange Zeit keine Rolle. Benny Carter hatte zwar 1937 in Paris – natürlich unterm Eindruck von Mules Erfolg – vier Jazz-Saxophonisten mit einer Rhythmusgruppe präsentiert, aber es vergingen 40 Jahre, ehe Saxophonquartette auch im Jazz auf Begleiter verzichteten. Unter den Pionieren war das amerikanische Quartett Rova, das nicht nur Jazz-Avantgardisten zum Schreiben inspiriert hat (Anthony Braxton, Fred Frith, John Carter), sondern auch Vertreter der experimentellen E-Musik (Terry Riley, Alvin Curran). Ähnlich wie beim Streichquartett werden die Grenzen zwischen den Genres also immer durchlässiger: Hunderte von Ensemble-Gründungen im klassischen wie im Jazz-Bereich machen das Saxophonquartett heute zu einem universellen, postmodernen Format, das uns als Party-Spaß, als Jazz-Band oder als Kammerbesetzung begegnet. Diese Bandbreite spiegelt sich auch in den Transkriptionen für Saxophonquartett, die bis vor kurzem hauptsächlich aus Miniaturen von Bach und Scarlatti, der Impressionisten und des frühen Jazz (Scott Joplin, George Gershwin) bestanden. Heute präsentieren Saxophonquartette mit Selbstverständlichkeit bearbeitete Werke von so unterschiedlichen Autoren wie Astor Piazzolla, Chick Corea, Glenn Miller, den Beatles, Alexander Skriabin, Kurt Weill, Henry Mancini, Charlie Parker, Igor Stravinsky, Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel, Bill Evans, Michel Legrand, Nino Rota, Tommaso Albinoni und Charlie Chaplin.

(Quelle: hjs-jazz.de)