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Schon der Vater war ein Instrumentenbauer mit ungewöhnlicher Phantasie: Eine Harfe mit Klaviertastatur, eine Flöte mit 22 Tonlöchern und ein chromatisches Horn gehörten zu den vielen vergänglichen Schöpfungen des Belgiers Charles Joseph Sax. Sein Sohn Adolphe (1814-1894), der eigentlich Antoine-Joseph hieß und schon in der Jugend ein virtuoser Klarinettist war, wußte nicht nur genauestens über die Schwächen der Instrumente seiner Zeit Bescheid, sondern verfügte zudem über einen enthusiastischen Durchsetzungswillen und eine unbeugsame Lebenskraft. Als Kind überlebte er eine lange Serie beinahe tödlicher Unfälle, als Erwachsener überwand er ein Krebs- und ein Lungenleiden, ertrug jahrzehntelang die Intrigen, Boykotte, Plagiate und Verschwörungen neidischer Konkurrenten, verlor die meisten seiner Patentprozesse, ging dreimal bankrott und verließ am Ende doch als Sieger den Platz. Im Lauf seines Lebens erfand Sax Hunderte neuer Instrumente – Saxhorn, Saxotromba, Trompetenpauke, Mirliton, Ventilposaune, Ventiltrompete, kessellose Pauken, Subkontrabaßhorn, Saxhornbourdon, Saxtuba usw. – und löste mit jedem eine neue Flut von Anfeindungen und Prozessen aus. Mehr als dreißig Patente hat er letztlich erfochten – nicht nur für den Instrumentenbau, sondern auch für Konzertsaalakustik, Eisenbahnsignale und Lungenapparate.
Das Grundproblem der Musik seiner Zeit war der stumpfe und häßliche Klang vieler Instrumente – besonders im tiefen Bereich und besonders bei Freiluftkonzerten, für die Streicher nicht geeignet waren und darum eine schmerzliche Lücke im Klangbild hinterließen. 1835 präsentierte der junge Sax eine verbesserte Klarinette, im Jahr darauf eine entscheidend verbesserte Baßklarinette: Sie besaß erstmals die einfach geknickte Form und wurde sofort von Meyerbeer in den Hugenotten verwendet. Sax, der geniale Erfinder, hatte erkannt, daß allein die Größenrelationen der Tubusform, die die schwingende Luftsäule umgibt, über die Qualität des Tons, seine Klangfarbe und Fülle, entscheiden. Diese theoretische Einsicht sicherte nicht nur allen Sax-Instrumenten einen technischen Vorsprung vor der Konkurrenz, sondern stand auch an der Wiege des 1841 erstmals fertiggestellten Saxophons. Die seltsame Verbindung von Metallkorpus und Klarinettenschnabel war ein Wunschkind nach Maß: „ein Instrument“, hieß es in Sax‘ Patentantrag von 1846, „das im Charakter seiner Stimme den Streichinstrumenten nahekommt, aber mehr Kraft und Intensität besitzt als diese.“
1842 wanderte Sax mit seiner Erfindung zu Fuß von Brüssel nach Paris, um sie keinem Geringeren als Héctor Berlioz (1803-1869) vorzuführen. Der lobte in einem enthusiastischen Artikel den Klang des neuen Instruments (es war ein Baßsaxophon) als „voll, weich, schwingend, von enormer Stärke und geeignet, abgeschwächt zu werden“. Und weiter: „Der Klangcharakter ist absolut neu und erinnert nicht an irgendein Instrument unseres gegenwärtigen Orchesters.“ An anderer Stelle: „Ich finde, sein Hauptvorzug ist die abwechslungsreiche Schönheit seiner verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten. Einmal tief und ruhig, dann leidenschaftlich, träumerisch und melancholisch, zuweilen zart wie der Hauch eines Echos, wie das unbestimmte, klagende Heulen des Windes in den Zweigen…“. Beeindruckt von dem runden, priesterlichen Ton des tiefen Saxophons, bearbeitete Berlioz sein Chorstück Chant Sacré für ein Bläsersextett aus Kornett, Trompete, Flügelhorn, Klarinette, Baßklarinette und Baßsaxophon. Diese Fassung, die als Hymne Sacré bereits 1844 mit Adolphe Sax am Saxophon aufgeführt wurde, ist leider verschollen; eine beeindruckende Transkription für 12 Saxophone besorgte indes Jean-Marie Londeix.
Nicht nur Berlioz wußte die Dynamik und klangliche Flexibilität des neuen Instruments zu schätzen. Ambroise Thomas verwendete das Saxophon in seiner Oper Hamlet (1868), Georges Bizet in den L’Arlésienne-Suiten (1872/1879), Jules Massenet in Hérodiade (1881) und Werther (1892), Vincent d’Indy in Fervaal (1895), Richard Strauss in der Sinfonia Domestica (1903). Doch um dem Saxophon ein Überleben zu sichern, hätten solche Einzelfälle nicht ausgereicht. Wirklicher Erfolg stellte sich dort ein, wo das Ausgangsproblem akut war: in der Freiluftmusik der Militärkapellen. Der Komponist Georg Kastner (1810-1867), der das Saxophon bereits 1844 in seinem Oratorium Le dernier Roi de Juda verwendet hatte, erarbeitete zusammen mit Sax bis zum Folgejahr eine Saxophonschule für Militärmusiker. Im März 1845 beantragte Adolphe Sax eine Reorganisation der französischen Militärkapellen: 14 herkömmliche Klarinetten wollte er durch 6 Sax-Klarinetten ersetzen, alle Oboen, Fagotte und Hörner durch Saxhorn- und Saxophonfamilien. Sämtliche Instrumentenbauer von Paris machte er sich damit zu erbitterten und hemmungslosen Feinden. Am 22. April 1845 entschied ein legendärer Wettkampf auf dem Pariser Marsfeld über die Zukunft der Sax-Instrumente: Vor 25.000 Zuhörern trat eine herkömmliche Blaskapelle gegen eine Sax-Formation an, und obwohl etliche Musiker von seinen Gegnern bestochen waren, gehörte Sax der Sieg. Noch im gleichen Jahr wurden dem französischen Militär die Sax-Instrumente verordnet.
Doch der Erfolg war nicht von Dauer. Obwohl die Armeen Preußens, Rußlands und Englands bereits Sax-Instrumente benützten und Rossini sie am Konservatorium in Bologna eingeführt hatte, rüstete man die französischen Militärkapellen nach der Revolution von 1848 wieder auf den alten Stand um; zwei Jahre später ging Sax prompt erstmals in Konkurs. Erst 1854, als der Erfinder seinen großen Patentprozeß ums Saxophon endlich gewann, unterstützt von Komponisten wie Berlioz, Meyerbeer, Donizetti und Adam, wurde das Militär „resaxiert“. Unter der Förderung von Napoléon III. gedieh auch der Saxophon-Gedanke wieder, Sax selbst leitete bis 1870 eine Saxophonklasse am Pariser Nationalkonservatorium. Dann kam die Niederlage von Sedan, und der Saxophonunterricht am Konservatorium wurde eingestellt; der zweite Konkurs folgte auf dem Fuße. In der Musikgeschichte schien kein Platz fürs Saxophon.
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