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Im 19. Jahrhundert waren Solistenwerke fürs Saxophon kaum mehr als trockene Etüden oder sentimentale Arien: Der große Wurf wurde nicht gewagt, ein Konzert für Saxophon und Orchester nicht einmal versucht. Auch hier half der Jazz, präsentierte das Instrument solistisch in kleinen Besetzungen oder vor ganzen Big Bands und mit Freiheiten des Ausdrucks und der Intonation, die die klassischen Musiker dankbar, wenn auch vorsichtig aufgriffen. Kaum hatten zeitgenössische Komponisten die neuen Ragtime-Tänze in ihren Werken reflektiert – vor allem natürlich in Klavierstücken -, folgte in der Ära des Swing der Einbruch des Solo-Saxophons in die E-Musik. 1923 verwendet es Milhaud in La Création du Monde, 1924 Gershwin in der Rhapsody in Blue, 1928 Ravel im Bolero… 1930 schrieb Schulhoff für den holländischen Virtuosen Jules Hendrik de Vries die Hot-Sonate für Altsaxophon und Klavier. Milhaud schrieb 1937 seine populäre Suite Scaramouche ebenfalls für Altsaxophon und Klavier (oder Orchester); bekannter wurde sie allerdings in der Version für zwei Klaviere und der Orchesterfassung für Benny Goodmans Klarinette. Auch Hindemith war am Saxophon interessiert, aber nicht recht überzeugt: Im Trio op. 47 (1928) sah er das Saxophon nur als Ersatz fürs Heckelphon, in der Sonate in Es (1943) war es sogar nur dritte Wahl. Dazwischen allerdings – 1933 – komponierte er für Sigurd Rascher ein Konzertstück für zwei Saxophone, das lange unbekannt blieb: Erst 1960 hat Rascher es mit seiner Tochter Carina einstudiert.
Rascher war es auch, der durch sein ständiges Werben fürs Saxophon die ersten wirklichen Solo-Konzerte mit Orchester anregte. Der Breslauer Komponist Edmund von Borck (1906-1944) widmete ihm 1932 ein Konzert für Altsaxophon und Orchester (op. 6), ein etwa viertelstündiges Pionierwerk, das Rascher in Hannover, in Berlin (mit den Philharmonikern unter Eugen Jochum) und in Straßburg (unter Hermann Scherchen) aufführte. Die seriöse Musikkritik reagierte zwiespältig und voller Mißtrauen gegenüber dem „heulenden Sentiment“ des plötzlich populär gewordenen, als grotesk empfundenen Saxophons. Besonderes Mißfallen erntete Rascher bei den Nationalsozialisten, die das Instrument als artfremd denunzierten. Er emigrierte 1933 und wirkte im Ausland desto stärker weiter: Etwa 50 Werke wurden allein in den 30er Jahren für Rascher komponiert, darunter drei Saxophonkonzerte von bleibender Bedeutung: Glasunovs Concerto in Es (1934), Iberts Concertino da Camera (1935) und Martins Ballade (1938).
Alexander Glasunov (1865-1936), den Rascher in Paris aufsuchte, um ihn für ein Saxophonkonzert zu begeistern, registrierte sein Werk unter derselben Opusnummer 109 wie sein Saxophonquartett, das er zwei Jahre zuvor Marcel Mule gewidmet hatte. Das einsätzige Konzert in Es für Altsaxophon und Streichorchester ist eines der letzten Werke des Rimsky-Korsakow-Schülers und schwelgt noch einmal in üppiger, spätromantischer Melodik. Alle wichtigen Saxophonisten jener Jahre – darunter Marcel Mule und der Amerikaner Cecil Leeson – übernahmen das Werk sofort in ihr Repertoire. Auch Jacques Ibert (1890-1960) erfüllte Raschers Wunsch: Sein Concertino da camera für Altsaxophon und 11 Instrumente gilt als das Lieblingskind des Komponisten und hat bleibende Maßstäbe für die Behandlung des klassischen Saxophons gesetzt. Es ist ein von Grund auf modernes Werk mit einer extremen dynamischen Spannbreite: Zwischen den schnell bewegten, jazzbeeinflußten Ecksätzen besitzt das lyrische Larghetto beinahe sentimentalen Charakter. Der Schweizer Frank Martin (1890-1974) schließlich schrieb mit der Ballade für Altsaxophon, Klavier, Schlagzeug und Streicher eine durchweg ernste, zum Teil dramatische und düstere Musik, die sich mit langem Atem zu großer Expressivität steigert. Für eine Ballade für Posaune und Orchester, die Martin 1940 komponierte, sah er übrigens als alternatives Solo-Instrument das Tenorsaxophon vor.
Marcel Mule, der Rascher offenbar den Solisten-Erfolg neidete, reklamierte später die erste komplette Aufführung eines Saxophonkonzerts für sich: Im November 1935 spielte er mit dem Pasdeloup-Orchester unter Albert Wolff das Concerto in F (op. 65) von Pierre Vellones (1889-1939), der auch etliche Quartette und Solistenstücke für Mule schrieb. Zu den späteren Konzertwidmungen an Mule gehören das Concertino (1938) von Eugène Bozza (1905-1991), die Ballade (1939) und das Concerto (1949) von Henri Tomasi (1901-1972), das Concertino von Jean Rivier (1896-1987), das etwa zehnminütige Divertissement (1953) von Pierre-Max Dubois und die Fantasia für Sopransaxophon, drei Hörner und Streichorchester (1948) von Heitor Villa-Lobos (1887-1959). Leider hat Mule das Werk von Villa-Lobos, eine der überzeugendsten und rhythmisch mitreißendsten Werbungen fürs Saxophon, nie selbst aufgeführt.
Die Geschichte des Saxophons kennt eine ganze Reihe von Komponisten, die sich dauerhaft von diesem Instrument faszinieren ließen und über Jahrzehnte hinweg dafür komponierten. So hat Jean Françaix, der dem Mule-Quartett eines der witzigsten Saxophonquartette schrieb (Petit Quatuor), fünfzig Jahre später (1989) für das Quatuor de Versailles ein zweites Quartett geliefert, La Suite – ebenso eklektisch und mondän wie das erste. Daneben sorgte Françaix, ein Meister der leichten, virtuosen Bläsermusik, mit Paris à nous deux (1954) für einiges Aufsehen, einer „Opera buffa“ für vier Sänger und vier Saxophonisten. Von der lateinamerikanischen Musik inspiriert sind seine 5 Danses exotiques für Altsaxophon und Klavier, die er 1962 Marcel Mule widmete – inzwischen ein Standardwerk für Saxophon. Einer der fleißigsten Saxophon-Komponisten überhaupt ist Pierre-Max Dubois, Rom-Preisträger von 1955, der mehreren Ensembles Saxophonquartette gewidmet hat, dem Mule-Schüler Jean-Marie Londeix 1959 ein bemerkenswertes Konzert für Altsaxophon und Streichorchester schrieb und mehr als fünfzig weitere Werke für Saxophon veröffentlicht hat.
Dennoch: Mehr vielleicht als bei anderen Instrumenten bedarf es eines virtuosen Solisten oder überragenden Ensembles, um Kompositionen für das noch immer außerhalb des klassischen Kanons stehende Saxophon anzuregen. Ein solcher Solist ist der Brite John Harle (geb. 1956), Schüler von Stephen Trier und Daniel Deffayet und heute Saxophonprofessor an der Guildhall School of Music and Drama. Neben Luciano Berio, dessen Sequenza IX b er 1981 uraufführte, sind es vor allem englische Komponisten, die für Harle geschrieben haben – darunter Dominic Muldowney, Stanley Myers, Michael Torke, Gavin Bryars, Harrison Birtwistle, Michael Nyman und Mike Westbrook. Harle ist heute der meistvertretene klassische Saxophonist auf dem CD-Markt und einer der bekanntesten klassischen Musiker Großbritanniens. Er dirigierte das London Symphony Orchestra, arbeitete mit Pop- und Jazzmusikern, dem Balanescu-Streichquartett, dem Apollo Saxophone Quartet, schrieb Dutzende von Film- und Konzertmusiken und verkörpert geradezu den genreübergreifenden „Crossover“-Geist seines Instruments. Passenderweise war es Harle, der Richard Rodney Bennetts Concerto for Stan Getz (1990) uraufführte: ein klassisches Solistenkonzert für einen Saxophonisten, der seinerseits aber als Jazzmusiker berühmt war.
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